Helden für einen Tag

Die „Heroes“ sprechen seit gestern deutsch. Alle. Auf RTL2. Denen hätte man zutrauen können, die Serie in „Helden“ umzubenennen. Bei David Bowie hatte das Charme, bei RTL 2 wäre es Anlaß zum Fremdschämen. Gepasst hätte es aber…

Heroes - seit gestern auf RTL2 (Foto: NBC)Der große Überraschungserfolg im US-Amerikanischen Fernsehen der letzten Saison war „Heroes“, eine Serie über Menschen, der plötzlich feststellen, daß sie über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Da ist das Cheerleader-Girl, das durch Feuer gehen kann und nicht verletzt wird, Polizist, der Gedanken lesen kann, oder der Senatskandidat, der fliegen kann. Ist das für einen Teenager einfach „cool“ und für einen Polizisten sehr hilfreich, stellt solch eine Begabung für einen angehenden Politiker im Fadenkreuz der Medien doch ein herbes Problem dar. Und so geht es in der Serie auch weniger um Weltenrettung á la Superman oder X-Men, sondern mehr um die menschlichen Probleme der „Helden“, deren Dramatik mit dem Auftauchen eines psychopathischen Killers und der Existenz einer geheimnisvollen Organisation im Hintergrund gewürzt wird. Die Anleihen bei Comic-Vorbildern sind trotzdem gewollt, dreht sich doch ein guter Teil des Plots um Comics und Zeichnungen; einer der Charaktere ist Zeichner, ein anderer begeisterter Manga-Leser.

Die Handlung jeder Episode ist extrem dicht, da ständig zwischen den über ein Dutzend Hauptcharakteren hin und her gesprungen wird. Die Geschichte jedes Charakters wird von einem eigenen Autor geschrieben und diese einzelnen Stories dann in jeder Geschichte entsprechend gegeneinander geschnitten. Damit wird die Serie dramaturgisch wie visuell beeindruckend, aber auch anspruchsvoll. Wie bei mehreren aktuellen Serien zu beobachten, ist auch „Heroes“ auf regelmäßiges Schauen angelegt. So regelmäßig, daß man eigentlich keine Folge verpassen darf, will man nicht große Storylücken in Kauf nehmen.

Dem US-Publikum wird das nicht leicht gemacht: An der Ostküste strahlt NBC jeden Montag um 21 Uhr eine Folge aus. Die Season wird jedoch zweimal unterbrochen, um Weihnachten und im Frühjahr, jeweils für mehrere Wochen, in denen dann statt „Heroes“ eine andere, meist auf sechs Folgen angelegte Serie läuft. Trotzdem, oder gerade deswegen?, war „Heroes“ NBCs meistgesehene Serie in der letzten Season und errang den 21. Platz im Quotenmeter aller Sendungen dieses Zeitraums.

Der den Zuschauern liebste Charakter ist dabei wohl der Japaner Hiro, der durch Zeit und Raum reisen kann und gleich in der Pilotfolge in New York landet, einige Monate in der Zukunft, und dort erst über ein Mordopfer stolpert und dann Zeuge einer Atombombenexplosion in Manhattan wird. Die nötigen Erklärungen gegenüber der Polizei fallen ihm schwer, denn er spricht nur Japanisch. Das wird sich auch den Rest der Serie einstweilen kaum bessern, weswegen er mit seinem Freund und Weggefährten Ando immer in deren Muttersprache konferiert, damit dieser für ihn übersetzt. Auf NBC kann man also jeden Montag Abend erstaunlich viel Japanisch hören. Damit der Zuschauer es auch versteht, sind englische Untertitel vorhanden, die ungewöhnlicherweise direkt neben den Figuren auftauchen, ein weiterer Hinweis auf die Verwandtschaft mit dem Comic-Genre.

Gestern nun hatte „Heroes“ nach einer langen und aufwendigen Werbekampagne Deutschlandpremiere. Ausgerechnet RTL2, der Sender dem Harald Schmidt das „Unterschichtenfernsehen“ angehängt hatte, zeichnet verantwortlich. Daß man in Grünwald auch anders kann, hat RTL2 ja mit der Ausstrahlung von „24“ zu beweisen versucht und die Serie mit einer Ausstrahlung an drei Tagen in der Woche, jeweils mit zwei Folgen, beinahe an die Wand gefahren.

Jetzt also ein neuer Versuch, in der Zuschauer- und vor allem Quotengunst Boden zu gewinnen. Gestern mit zwei Folgen, ab nächstem Mittwoch immer je eine Folge, immer um 20:15. Daß diese Sendezeit leider einige Schnitte mit sich bringen wird, ist noch das kleinere Problem. Wirklich bedenklich ist, daß alle Charaktere in bestem Hochdeutsch von durchaus bekannten, wenn auch nicht immer passenden Stimmen synchronisiert worden sind. Damit geht nicht nur der Charme des Akzents des indischen Professors Mohinder Suresh dahin, es werden auch dramaturgische Probleme aufgeworfen: Auch Ando und Hiro brauchen nun keine Untertitel mehr, denn jeder kann sie verstehen, sie reden ja deutsch. Warum dann diverse Charaktere innerhalb der Serie kein Wort von dem verstehen, was Hiro sagt, muß ein Rätsel bleiben. Oder warum Hiro vor Glück ganz baff ist, als man ihm erzählt, sein zukünftiges Ich würde ein perfektes US-Englisch sprechen.

Persönlich bevorzuge ich sowieso die Originalfassung, aber natürlich gibt es Menschen, deren Englisch für entspanntes Fernsehschauen nicht reichen würde (so wie mein Französisch unbedingt den Einsatz von Untertiteln oder Synchronisation erfordert, will ich mir einen Film aus unserem Nachbarland ansehen). Und in Deutschland gibt es nunmal eine lange Tradition, fremdsprachige Sendungen zu synchronisieren. Deshalb wird wohl angenommen, der deutsche Zuschauer schalte ab, wenn es mal für längere Zeit Untertitel zu lesen gibt. Stimmt das wirklich? Und kann das eine Rechtfertigung für diesen Eingriff in die Werkintegrität sein? Im Original ist die Untertitelung von Ando und Hiro eben auch ein Spiel mit der Sprache, mithin ein Stilmittel und seine Erhaltung damit mehr als nur dramaturgischer Purismus. Im Forum von outnow.ch schreibt „rm“, er habe beim Synchronstudio nachgefragt, warum man das so gemacht habe. Antwort:

Wir hatten die Synchro erst mit den japanischen Originaltönen produziert, das hat aber überhaupt nicht funktioniert, besonders dann nicht, wenn Hiro innerhalb eines Dialoges Deutsch und Japanisch gesprochen hat. Gute (!) japanische Sprecher waren nicht aufzutreiben, daher die Entscheidung für Eindeutschung. (auch im Blick auf die Quote, denn die Masse der Zuschauer schaltet würden bei längeren O-Ton Passagen weg).

Es gab also keine vernünftigen japanischen Sprecher und daher hat man erstmal einen Mischmasch aus Deutsch und japanischen Brocken synchronisiert? Es wundert mich nicht, daß das nicht funktionierte. Nun kann ich aber kaum glauben, daß es nirgends einen guten bilingualen Sprecher geben sollte. Vielleicht wollte RTL2 etwas Geld sparen.Heroes einzuschalten lohnt sich trotzdem, aber ein derartig starker Eingriff in das Gesamtkonzept einer Serie läßt mich einmal mehr die grauen Tiefen des Internets bejubeln. Es sind diese Dinge, mit denen das deutsche Fernsehen sich selbst abschafft, indem es immer mehr Interessierte zu DVD oder Computer greifen läßt, wenn man fern sehen möchte. Das Schlußwort hat David Bowie (aus „Heroes/Helden“):

Und die Scham fiel auf ihre Seite/Oh, wir können sie schlagen/Für alle Zeiten/Dann sind wir Helden/Für diesen Tag

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Blaue Realität, Blaues Auge

3 Antworten zu “Helden für einen Tag

  1. David

    Ein schöner Text über eine traurige Wahrheit. Bei aller Begeisterung für die Originalversion muss man aber zugeben, dass auch dort Fauxpas zu beobachten ist. Während nämlich das Japanische brav belassen und untertitelt wird, unterhalten sich die Inder auch untereinander in Indien in Englisch mit goldigem Akzent. Alles Andere jedoch – Spanisch und Französisch beispielsweise – wird standesgemäß wieder mit Untertiteln versehen.

  2. frankundfrei

    Auch ich war ziemlich enttäuscht, als ich Hiro plötzlich ohne Untertitel, dafür aber umso verständlicher erleben mußte. Schließlich war er schon eine ganze Staffel lang für mich der liebenswerte Japaner mit Verständigungsproblemen.

    Frank

  3. Pingback: Die letzte Grenze « Blaue Realität

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