Mein Strom ist grün

Kürzlich auf dem Bahnsteig der U5, Berlin Alexanderplatz fand sich ein schönes Beispiel für subtile Unterminierung einer fragwürdigen Werbekampagne:Atomstrom

Als ehemaligem Verfechter der Atomenergie UND Simpsons-Film-Freund UND Ökostrom-Bezieher fällt einem so etwas irgendwie besonders auf. Anders ausgedrückt: Es gab ein mindestens ein Individuum I für das galt, daß es sich in der U5 mal wieder viele Gedanken gemacht hat. Und dann war ja auch noch der Samstag Abend an dem ganz Deutschland für fünf Minuten im Dunkeln versinken sollte. Ganz Deutschland? Nein… Aber lassen wir das.

Aber wo Sie gerade Ökostrom sagen: Wie wechsele ich denn eigentlich von meinem lokalen Atomstromkonzern zu welchem grünen Anbieter? Und bringt das überhaupt was? Und was sage ich Leuten, die meinen, das sei unnötig? Klimaschützen will gelernt sein.

Fast jeder Stromanbieter in Deutschland hat mittlerweile einen „grünen“ Tarif im Angebot, auch die großen vier (EnBW, RWE, e.on, Vattenfall). Dabei ist aber zu beachten, daß die fast alle Anbieter diese Tarife über sogenannte RECS-Zertifikate umsetzen. RECS steht für „Renewable Energy Certificate System“ und stellt eine preisgünstige Möglichkeit dar, Ökostrom zu verkaufen. Ein Anbieter wie Vattenfall muß durch RECS kein eigenes Ökostrom-Kraftwerk betreiben, sondern kann sich – als Beispiel – ganz der Atomenergie verschreiben und kauft einfach Zertifikate auf, die besagen, daß in einem beispielhaften österreichischen Wasserkraftwerk 10 GWh Strom erzeugt wurden. Dieses Wasserkraftwerk gehört nicht zu Vattenfall und hat auch keine sonstige Geschäftsbeziehung zu dem skandinavischen Konzern. Es wird gleichsam nur ein Etikett verkauft, das Vattenfall dann auf seinen Strom kleben darf. Natürlich sind trotzdem irgendwo 10 GWh grüner Strom hergestellt und verbraucht worden. Wer welchen Strom – physisch gesprochen – verbraucht ist sowieso nicht auszumachen und daher könnte man argumentieren, daß es egal ist, ob mein Strom nun aus einem Atom-, Kohle- oder Wasserkraftwerk kommt, solange nur irgendwo für irgendwen Ökostrom hergestellt wird. Falls das mein ganzes Anliegen ist, so kann ich mich mit dem Vattenfall-Tarif zufrieden geben.

Wenn ich aber – und man möchte meinen, dies sei das eigentliche Anliegen der meisten Ökostrom-Bezieher – mit meiner Entscheidung für grünen Strom die Erzeuger alternativer, mithin regenerativer Energien stärken will, vielleicht sogar den Betreibern von Kohle- oder Atomkraftwerken kein weiteres Geld zur Verfügung stellen will, dann muß ich mich für einen anderen, nicht mit RECS arbeitenden Anbieter entscheiden.

Derer gibt es in Deutschland nur drei, oder sagen wir mal dreieinhalb: Greenpeace Energy, Stadtwerke Schönau, Weißichgeradenicht und Lichtblick. Lichtblick jedoch bietet immerhin seinen Großkunden Strom an, der nach RECS gehandelt wird. Auch sind die anderen drei genannten Anbieter weitaus transparenter in ihren Auskünften, woher sie den Strom beziehen. Alle genannten verpflichten sich zu Investitionen in Kraftwerke die erneuerbare Energien produzieren und zum – soweit möglich – 100%igen Bezug von grünem Strom. Mit einem Wechsel zu einem dieser Anbieter macht man also direkt von seiner Macht als Verbraucher Gebrauch und setzt ein Zeichen hin zur verstärkten Produktion von ökologisch weniger bedenklichem Strom. Natürlich kratzt es die großen vier wenig, wenn ich als einzelne Privatperson wechsele und auch eine Million Privatpersonen sind noch keine Mehrheit, doch irgendwo muß ja ein Anfang gemacht werden.
Und der Preis für den Strom ist auch nicht wirklich höher und ist auch bei den genannten Anbietern ähnlich; durch Unterschiede in der Grundgebühr kann abhängig vom persönlichen Verbrauch ein Anbieter für jeden Einzelnen besser geeignet sein als ein anderer.

Wer nun wechseln will, hat es denkbar einfach: Zählernummer und – wenn vorhanden – Kundennummer beim bisherigen Anbieter notieren, Webseite des gewählten neuen Anbieters aufrufen, Online-Auftrag mit den nötigen Daten ausfüllen, absenden, fertig. Einige Tage später kommt eine Bestätigung vom neuen Anbieter und noch etwas später eine vom alten, die dann auch mitteilen, ab wann man Ökostrom bezieht. Zum Stichtag eben Zählerstand ablesen, per email oder telefonisch dem Altanbieter mitteilen und das war’s. Eigentlich kein Grund, nicht das ökologische Gewissen zu beruhigen, oder?

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