Halbblutbuch, Vollblutfilm

cliffssEine Anmerkung vorweg: Ich poste diesen Eintrag während ich geschätzte 10km Luftlinie von den Cliffs of Moher entfernt sitze, die im Film kurz aber prägnant vorkommen. Mir erscheint das sehr passend…

Es ist Sommer und Harry Potter läuft im Kino. Irgendetwas stimmt nicht waren das nicht immer „Weihnachtsfilme“? Achja, Warner Bros. hatte sich entschieden, den eigentlich bereits fertigen Film zurückzuhalten und ein halbes Jahr später als üblich zu zeigen. Damit gerät „Harry Potter and the Half Blood Prince“ zwar in relativ direkte Konkurrenz zu anderen Blockbustern, doch ist diese Konkurrenz für HP6 wohl eher förderlich. „Terminator: Salvation“ ist vor allem Materialschlacht mit wenigen interessanten Charakteren in einer verqueren Story, „Transformers: Revenge of the Fallen“ ist nur Materialschlacht bei der wohlgeformte, in Zeitlupe gefilmte Körper das Fehlen jedes Ansatzes von Plot oder Charakterentwicklung kompensieren müssen. Einzig „Star Trek“ bietet spannende Charaktere in einer halbwegs sinnigen Story (leider wirklich nur halbwegs, ich bin weiterhin der Ansicht, dass hier vielmehr möglich gewesen wäre), eingebettet in eine Materialschlacht. Wo steht da der sechste Harry Potter-Film?

Um es kurz zu machen: Er steht gut da, aber auch abseits. Es gibt keine Materialschlacht, keine Zeitlupen und – merkwürdig genug – nicht einmal einen richtigen Antagonisten. Trotzdem macht der Film Spaß und das Schauspiel des endlich erwachsen gewordenen Triptychons Radcliffe/Watson/Grint Freude, speziell das von Emma Watson (Hermione). Die Probleme der Figuren sind nun auch für ein twenty-something Publikum ohne Fremdschämen zu betrachten, ja man leidet sogar mit wenn Ron von seiner wildgewordenen Verehrerin belagert wird und Hermione weinend den Raum verlassen muss.

Aprospos Probleme: He-who-must-not-be-named ist abwesend ohne zu fehlen. Ähnlich wie das erste Alien sieht man Voldemort nur für den Bruchteil einer Sekunde, dafür aber umso wirkungsvoller. Den Rest der Zeit müssen wir – nein, dürfen wir – mit seinem jüngeren Alter Ego Tom Riddle Vorlieb nehmen, der als streng gescheitelter Bursche eine unheilige Mischung aus Carrie und dem Jungen der tote Menschen sah abgibt. Dieser Voldemort-in-the-making interagiert naturgemäß nicht mit Harry direkt, aber dass seine Handlungen in der Vergangenheit solche Auswirkungen haben ist schon eine dramaturgische Finesse. Eine, die übrigens deutlich besser im Film wirkt, der sich im Gegenteil zum Buch auf zwei Erinnerungs-Rückblenden beschränkt um uns Tom Riddle zu zeigen und diesen dadurch ein Gewicht verleiht, die sie als Aneinanderreihung belanglos erscheinender Szenen im Buch nicht erreichen konnten.

Allerdings ist nicht alles eitel Sonnenschein an dieser Verfilmung: Der visuelle Stil des Films, und sei er auch noch so schön anzusehen, ergeht sich zu stark in Klischees. Die Bösen Jungs (Malfoy und Riddle) tragen natürlich schwarz und haben entweder sehr blonde oder sehr schwarze Haare, deren Scheitel mit dem Rasiermesser gezogen scheint. Der Film setzt monochromatische aber ständig wechselnde Farbpaletten ein und scheint auch mit seiner geringen Tiefenschärfe in den dramatischeren (lies: effektlastigen) Szenen eigentlich eher von einem gewissen Neuseeländer mit Hobbit-Füßen zu stammen. Und spätestens in der Höhle des dritten Horcrux sieht HP6 wirklich aus wie Der Herr der Ringe, Gollum inklusive.

Trotzdem macht David Yates im Regisseursstuhl hier einen wirklich guten Job. Der sechste Teil hat sich deutlich von den Kinderfilmen emanzipiert, die Teil eins und zwei noch waren. Das zeigt auch der sehr selbstständige und beeindruckende Score von Nicholas Hooper, der die nötigen Anleihen bei John Williams auf ein Minimum reduziert. Als Buch ist der sechste Harry Potter ein unausgegorenes Konstrukt, das vom starken fünften Teil zum leider ebenfalls recht enttäuschenden siebten überleiten musste und daran scheiterte. Auf der Leinwand ist daraus ein wohl strukturierter, spannender Film geworden, der zwar sicher nicht in die ewige Bestenliste eingehen wird, bei dem aber nur noch der unpassende Titel an die Bruchstückhaftigkeit der Vorlage erinnert.

Fußnote: Eine Szene hat mich gleich zweifach geärgert, SPOILERS AHAED. Harry lernt aus dem Buch des Half-Blood Prince nicht nur wirklich gute Rezepte für magische Tränke sondern auch einen neuen Zauberspruch. „Sectumsempra, for enemies“ steht da auf einer Seite. Schon immer hat mich der Pottersche Umgang mit Magie als inkonsistent geärgert, aber seit wann reicht es, einen Spruch nur zu lesen, ohne Erklärung der Wirkungsweise, um ihn derart durchschlagend wie Harry benutzen zu können? Und nachdem er ihn dann benutzt hat, sitz er reuevoll im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und man entschließt sich, das Buch müsse versteckt werden, auf dass Harry davon nicht mehr versucht werden kann. Welche Art von verantwortungsvollem Umgang ist das denn? Einfach nur wegwerfen kann doch keine Lösung sein, zumal Harry den Spruch kurz darauf erneut anwendet. Das Buch ist ja nicht per se gefährlich, vielmehr sollte Harry sich lieber vorher überlegen, welche Dinge er daraus übernimmt. Auch ohne dieses Buch könnte der nächste böse Spruch ja alsbald in seine Hände fallen, spricht er ihn dann auch wieder im Affekt? Welche Art von Aussage wird hier eigentlich gemacht?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Blau ja, Realität nur bedingt, Rot-Grün-Blau

Eine Antwort zu “Halbblutbuch, Vollblutfilm

  1. Halbblutprinz: Setzen, sechs!

    Ich bin sauer. HP 6 war für mich das beste Buch der ganzen Geschichte, vor allem, weil es sich die MEISTE Zeit mit der Vergangenheit Voldemorts, mit der tragischen Geschichte von Tom Riddle und auch der Vergangenheit von Harrys Vater und seinem Verhältnis zu Snape befasst. Das waren für mich die wichtigsten Elemente dieses Buchs. Da wurden moralische Dilemmas behandelt, tiefgehende Fragen aufgeworfen und ein mysteriöser Unbekannter mit einer zwielichtigen Rolle (eben der Halbblutprinz) entwickelt.

    Was ist davon im Film geblieben? Fast nichts. Die Verfilmung widmet sich stattdessen zum Teil langatmig den Problemen der pubertierenden Teenager und ihren harmlosen Liebesspielen in der Gegenwart, was im Buch (wie mir schien) eher als Sekundärhandlung und Klebstoff zwischen den einzelnen Erinnerungssequenzen verwendet wurde, die Harry sich teils heimlich ansieht, weil er mehr über seinen Vater und Voldemort erfahren möchte.
    Deshalb funktioniert auch das Ende nicht, das wie aus dem Nichts heraus Spannung aufzubauen versucht, weil die Hintergründe der einzelnen Figuren und Ihre Motive schlicht unbekannt bleiben. Vielleicht daher der Versuch, den Effekt über die Optik zu erreichen. Funktioniert aber nicht.

    Ich fürchte, dass die unterschiedlichen Interessen einiger Geschäftsbeteiligter (Produzenten, Agenten von Schauspielern, Werbeleute) einer wirklich an der Geschichte orientierten Adaption im Weg gestanden haben. Denn die drei Hauptdarsteller wären dann nur sehr selten zu sehen gewesen, neue Schauspieler hätten den Film dominieren müssen (Tom Riddle, Snape in jungen Jahren, Harrys Vater in jungen Jahren und noch einige mehr). Und das geht natürlich nicht. Wir haben doch unsere Stars gerade erst aufgebaut…

    Adaption misslungen, und zwar haushoch! Setzen, sechs!

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